Das Buch, das nicht erscheinen sollte

Im vergangenen Jahr habe ich einen neuen Krimi geschrieben. Es ist mein siebter. Diesmal geht es um ein besonders brisantes Thema: Großwildjagd und Wilderei in Afrika.
Wie immer habe ich lange und gründlich recherchiert, bin in vier afrikanische Länder gereist, habe mit Wildhütern und Berufsjägern, Tierschützern und Jagdgästen gesprochen. Ich habe die wichtigsten Veröffentlichungen über Nashorn- und Elfenbeinwilderei studiert und mich intensiv mit der Landreform in Simbabwe beschäftigt.
Natürlich habe ich in Afrika auch gejagt. Wenn du es nicht erlebt hast, kommt es nicht aus deinem Horn. Der Satz des Jazzers Charlie Parker gilt für Musiker wie Schriftsteller gleichermaßen. In Namibia erlegte ich Antilopen, in Simbabwe einen Kaffernbüffel. So heißt das afrikanische Wildrind leider immer noch. Syncerus caffer. Höchste Zeit, dass sich das ändert.
Keine der Tierarten, die ich bejagte, ist vom Aussterben bedroht. Sie leben in großen, gesicherten Beständen. Nur wenige alte, männliche Tiere werden zum Abschuss freigegeben. Die Einnahmen aus dieser nachhaltigen Jagd kommen dem Wildschutz und der einheimischen Bevölkerung zugute. Für die Leute bekommen die Tiere durch die Jagd einen materiellen Wert. Das Geld der Jäger ist für die Dörfler ein Anreiz, zu Schaden gehende Tiere wie Elefanten oder Löwen in ihrer Nähe zu dulden. Nur aus Tierliebe, wie es westlichen Tierschützern vorschwebt, werden die Afrikaner das sicherlich nicht tun. Wir Europäer haben ja auch Bären und Wölfe ausgerottet. Wenn jetzt der Wolf nach Deutschland zurückkehrt, funktioniert das nur über staatliche Entschädigungen an die Eigentümer gerissener Haustiere.

„Es macht Spaß"

Weil ich mit meinem Afrika-Thriller nicht nur Jägerinnen und Jäger erreichen will, habe ich mich bemüht, das Buch in einem Publikumsverlag unterzubringen. Dazu habe ich Literatur-Agenturen Leseproben angeboten.
„Es macht Spaß, Ihren Figuren zu folgen und mir persönlich auch, auf diese Weise in die Welt der Großwildjagd einzutauchen“, antwortete mir eine Kölner Agentin. Für sie sei die Afrika-Jagd allerdings „eine Art von Neokolonialismus“. Sie meint, „dass es ein schwerer Systemfehler ist, wenn man durch Abschuss von Tieren Geld ins Land bringt, sei es auch auf den ersten Blick noch so hilfreich und gut für die dortige Bevölkerung.“
Weil sie ihre Meinung für die herrschende hält, glaubt die Agentin, „dass es mehr oder weniger unmöglich ist, einen Roman bei einem der größeren Publikumsverlage unterzubringen, der dieses Thema und die Haltung dazu zum Gegenstand hat.“  Beschlossen und verkündet.

„Gut geschrieben, keine Frage“

Anschließend versuchte ich es bei einer Berliner Agentur. „Der Auftakt zum Krimi ist gut geschrieben, keine Frage“, antwortete mir die für Spannungsliteratur zuständige junge Frau. „Unsicher bin ich aber, was die Zielgruppe angeht, und traue mir - kurz gesagt - eine erfolgreiche Vermittlung Ihres Romans an die großen Publikumsverlage, mit denen wir schwerpunktmäßig zusammenarbeiten, nicht zu.“
Zum Schluss meldete sich eine ältere Münchner Agentin, der ich empfohlen worden war. Sie war ehrlich und witzig. „Es gibt keine Lektoren mehr bei den großen Verlagen, nur noch Lektorinnen“, erklärte sie mir. „Davon wählen zwei Drittel die Grünen und die Hälfte lebt vegan. Wie soll ich denen einen Afrika-Krimi verkaufen, in dem Tiere totgeschossen werden, Herr Schmitz?“
Dass die Hälfte der Lektorinnen vegan lebt, mag zwar übertrieben sein. Im Kern hat die Münchnerin allerdings Recht. „Werden wir bald alle veggie?“, fragte sich Bettina Weiguny vor kurzem in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Treibende Kraft hinter den fleischfreien Boom sind junge, gebildete Frauen, die gesund und sportlich leben, das Tierwohl achten und das Klima schützen wollen“ , stellte die FAS-Redakteurin fest.

Mordwerkzeug? Stangenspargel!

Junge, gebildete Frauen in den Verlagen sind es auch, die darüber entscheiden, was als Buch gedruckt wird – und was nicht. Von mir aus können sie gern auf den Verzehr von Fleisch verzichten. Dies ist ein freies Land. Hier darf jeder nicht essen, was er will. Gegen Klimaschutz und Tierwohl habe ich auch nichts. Ein auf der Jagd erlegtes Wildschwein hatte sicher ein besseres Leben als sein nackter Verwandter aus dem Turbo-Maststall. Dass jedoch ein gut geschriebener Krimi, in dem eine andere Position vertreten wird als die des grünen Mainstreams, in Publikumsverlagen keine Chance mehr hat, grenzt für mich an Zensur. In dieser Frage verhalten sich die jungen, gebildeten Verlagsfrauen nicht anders als die alten, weißen Männer, die früher dort das Sagen hatten. Als junger Autor hatte ich bei den alten Herren keine Chance, weil ich Kommunist war. Als alter Schriftsteller lehnen mich die jungen Frauen im Literaturbetrieb ab, weil ich Jäger bin. So ändern sich die Zeiten. Und bleiben irgendwie doch gleich.
Einen nicht ganz ernst gemeinten Rat gab mir die Münchner Agentin auch. „Schreiben Sie mal einem Krimi, der im veganen Milieu spielt, wo sich die Leute mit Spargelstangen erstechen. Den reißen mir die Lektorinnen aus der Hand.“
Am Ende empfahl mir die sympathische Frau, mit meinem Afrika-Krimi beim Kosmos-Verlag zu bleiben, der auch schon meinen letzten Roman herausgebracht hat. Dem Rat bin ich gefolgt.

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