Abschied von der Mosel

Es hat lange gedauert, bis wir Freunde geworden sind, die Mosel und ich. Als junger Mann habe ich die Gegend gemieden. Das Moseltal war etwas für Nachkriegsspießer, Leute, mit dem Kegelclub nach Kröv ausflogen, um fuderweise „Nacktarsch“ zu tanken.

„Möselchen“-Trinker waren für mich Leute mit röhrendem Hirsch über dem Sofa und Gedächtnisschwund, wenn die Rede auf das Dritte Reich kam. Eltern, die ihren Kindern die „Negermusik“ der Beatles und Stones verboten und selbst Heintje (Mutti) oder Heino (Vati) lauschten. „Schwarz-braun ist die Haselnuss“, sangen sie in den Straußenwirtschaften nach dem ersten Schoppen zuckersüßen Moselweins. „In einem Polenstädtchen“ nach dem zweiten. Nach dem dritten waren sie zu besoffen für das Horst-Wessel-Lied. So stellte ich mir das damals vor.
Viele Jahre später bin ich mal mit meiner Frau übers Wochenende an der Mosel gewesen. Ich erinnere mich nicht mehr an den Ort, nur an ein großes Ausflugsschiff, beladen mit lärmenden Touristen. Aus den Lautsprechern dröhnte Stimmungsmusik über den Fluss und auf der Bordwand stand in Riesenlettern: „Romantische Moselfahrt“.

Entsprechend zögerlich reagierte ich auf die Einladung meines Schwagers zu einem Jagdwochenende an der Mosel. Wir übernachteten bei einem Winzer, der Etiketten mit Jagdmotiven auf seine Weinflaschen pappte, damit wenigstens seine Jagdgäste die Plörre kauften. Erlegt habe ich an jenem Wochenende nichts. Die Mosel war einfach nicht mein Ding.
Das änderte sich erst, als Schwager Tom dort eine Jagdhütte auftat. Jagdhütte ist ein großes Wort für einen ausrangierten Wohnwagen. Aber er stand allein auf den Moselhöhen unter einem Giebeldach, und von seiner Holzterrasse konnte man weit über das Flusstal bis in den Hunsrück schauen.

Wir verbretterten unseren Camper von außen und innen, sammelten das Regenwasser in einem Tank, kauften einen Gaskocher und jede Menge Petroleumlampen. Fertig war die Jagdhütte. Strom- und Wasseranschluss hatte unsere Hütte nicht. Wir wollten auch keinen.

Seitdem bin ich oft an die Mosel gefahren. Mehr als fünfzehn Jahre lang jagte ich dort Rehe und Wildschweine. Das meiste Fleisch, das wir zu Hause aßen, stammte von Tieren, die ich selbst erlegt hatte. Vom Ausweiden über das Metzgern bis zum Braten machte ich alles selbst. Wenn wir mit der Familie und Freunden einen zarten Rehrücken oder ein deftiges Wildschweingulasch schmausten, war ich stolz und froh.
Nicht nur zum Jagen fuhr ich an die Mosel. Das einfache Leben in dieser alten Kulturlandschaft bedeutete mir viel. Besonders im Herbst, wenn die Trauben in den Steilhängen reifen, die Birnen für die Brände in den Bäumen leuchten, im Wingert die Weinbergpfirsiche locken, die Schalen der Walnüsse platzen, Bauer Scholers Rinderherde zwischen Herbstzeitlosen grast und die Kraniche in Keilen flussaufwärts fliegen.

Selbst mit dem einst verschmähten Moselwein habe ich mich angefreundet. Unten im Dorf entdeckte ich einen Winzer, der sich in der Weinwelt umgetan hatte, bevor er das Familiengut übernahm. Wenn ich, zurück im heimischen Bochum, eine Flasche trockenen Riesling von Bernhard Kirsten aufmachte, schmeckte ich die steilen Schieferhänge, die Wärme der Mosel und – nach dem dritten Glas - sogar das Reh, das an den Trauben genascht hatte.
Das alles ist nun vorbei. Der Pachtvertrag für unser Jagdrevier ist abgelaufen. Er wurde nicht verlängert. Jedenfalls nicht mit uns. Ein paar Jungjäger von der Mosel mit wenig Erfahrung aber reichlich Geld und Einfluss haben den Zuschlag der Grundbesitzer erhalten. Sie übernehmen unser Revier. Ich habe meine Sachen aus der Jagdhütte geholt, bin noch einmal durch die Weinberge gewandert und dann nach Hause gefahren.

Wenn ich jetzt Heimweh nach der Mosel bekomme, bleibt mir der Blick in den Krimi. „Wald der toten Jäger“ habe ich 2016 geschrieben. Der Roman spielt in einem Jagdrevier an der Mosel.

Plötzlich waren alle weg

Eine alte Nachbarin gab den entscheidenden Hinweis. „In Eppendorf war ja auch ein Zigeunerlager und plötzlich waren alle weg.“ Von einem Lager in seinem beschaulichen Stadtteil hatte Werner Schmitz noch nie gehört. Er machte sich auf die Suche, fand heraus, wo das Lager stand, wie die Eppendorfer darauf reagierten und warum die Sinti „plötzlich alle weg waren“. WEITERLESEN

Das Buch, das nicht erscheinen sollte

„Auf der Skala der verachtenswertesten menschlichen Kreaturen rangiert er irgendwo zwischen Drogenhändler und Nazi“, schrieb Spiegel-Online vor einiger Zeit über das Image des Großwildjägers. Auf der Suche nach einem Verlag für seinen Safari-Krimi merkte Werner Schmitz, dass das nicht besonders übertrieben ist.
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